Paul Günter, Nationalrat, Därligen
Haben sie schon die neue Tell-Aufführung der Tellspiele Interlaken gesehen? Sie ist sehenswert. Die musikalische Untermalung gibt dem sowieso schon aktionsreichen Stück neue dramatische Höhepunkte. Es lohnt sich also hinzugehen, auch wenn man das Stück schon ein- oder zweimal gesehen hat
Während der Aufführung habe ich das Spektakel einfach genossen. Aber beim nachhause gehen habe mir überlegt, ist das Stück überhaupt noch aktuell?
Sicher gibt es Leute in unserem, Land, die immer noch Angst vor den Oesterreichern haben – obwohl meist vergessen wird, dass es die Zürcher Adeligenwaren, welche im Auftrag von Oesterreich gegen die Waldstätter-Kantone loszogen, um die unbotmässigen Bauern Mores zu lehren – und bei Morgarten jämmerlich geschlagen wurden. Notabene mit einer Kriegsführung der Eidgenossen, die damals ob ihrer Unritterlichkeit und Hinterhältigkeit einen europäischen Aufschrei nach sich zog . Heute würde man sie wohl als terroristisch bezeichnen.
Auch wenn an Stelle von Oesterreich bei diesen geängstigten Miteidgenossen die EU getreten ist: Im Ernst kann man die EU nicht mit den damaligen Landvögten vergleichen.
Zwar ringen die Staaten innerhalb der EU und die EU mit der Schweiz fast ständig am Verhandlungstisch zäh um Lösungen, die möglichst günstig für die jeweilige eigene Seite sind.
Aber diese Verhandlung finden geordnet und in gegenseitigem Respekt statt. Wenn Druck ausgeübt wird, dann allenfalls im ökonomischen Bereich – und auch dies mit grossem Zögern. Gerichte entscheiden über zwischenstaatliche Konflikte. So hat die Schweiz ja im Streit um den Flughafen Kloten ein europäisches Gericht angerufen – durchaus im Einverständnis auch mit den rabiaten Zürcher Gegnern des Staatsvertrages mit Deutschland.
In Bezug auf die europäische Zukunft der Schweiz ist das Stück wirklich überholt.
Und dennoch ist das Stück brandaktuell. Allerdings am meisten in Ländern , die etwas weiter weg sind.
So in Palästina oder im Irak. Oder in Tschetschenien, Aber auch die Herrscher im Iran, oder Kim Jong IL in Nordkorea hätten wenig Freude an den Aussagen von Schiller. Auch im Tibet dürfte dieses Stück wohl kaum öffentlich aufgeführt werden – aus Angst vor der Freiheit der Völker.
Das Stück ist auch brandaktuell unter dem Aspekt Terrorismus. Kürzlich fand eine weltweite Konferenz der Parlamente statt. Rund 1000 ParlamentierInnen aus 140 Ländern nahmen daran teil. Das Hauptthema war der Terrorismus, seine Entstehung und Bekämpfung.
In der Diskussion kam klar zum Ausdruck, dass oft die Geschichte entscheidet, ob eine blutige Tat Terrorismus oder Freiheitskampf war. Gewinnen die Aufständischen, waren die schrecklichen Taten, die oft auch viele Unschuldige ins Unglück stürzten, die Taten von Freiheitshelden.
Für die siegende Herrscher hingegen waren die Anschläge der Aufständischen oder für die Sieger im Bürgerkrieg die Untaten der Verlierer grausame Terrorakte.
Ich habe mir überlegt - und das auch an der Konferenz vorgetragen – war unser Freiheitsheld Wilhelm Tell (ob er nun so existiert hat oder nicht) ein Terrorist.?
Schiller selbst nimmt zur heiklen Frage, was im Freiheitskampf erlaubt ist, Stellung im letzten Akte des Stückes – der bezeichnenderweise nie gespielt wird:
Tell trifft in den Bergen auf den Kaisermörder Parricida, der auf der Flucht ist. Dieser erwartet von Tell Hilfe und Unterstützung – quasi unter gleich gesinnten Kumpanen. Tell verweigert diese und erwidert auf den Hinweis, auch er habe einen Regenten ermordet:
Gemordet hast Du – ich habe mein Teuerstes verteidigt /Schiller war sich der Problematik des Themas offenbar voll bewusst. – und es lohnt sich, darüber länger nachzudenken.
Heute am ersten August können wir uns freuen, dass wir in der Schweiz die schlimme Zeit der blutigen Wirren hinter uns gelassen haben und einen Weg gefunden haben, demokratisch unsere Probleme anzugehen. Unser Weg ist auch nicht immer einfach, die Entscheidfindung dauert oft lange, braucht Geduld und Ausdauer.
Aber es ist allemal der bessere Weg – wenn auch wenig spektakulär.
Es schön, wenn wir uns über diese Errungenschaften freuen und heute stolz darauf sind. Wir sollten aber – auch heute – noch einen Schritt wietergehen und uns überlegen, was wir konkret beitragen können, damit an andern Orten auf der Welt eine ähnliche Entwicklung hin zum Frieden und der demokratischen Diskussion stattfinden kann.