Rede zum Nationalfeiertag 2003 von Paul Günter, Nationalrat


Es ist eine besondere Ehre für mich, dass ich zu Euch - hier in Thunstetten - an der 1.August-Feier sprechen darf. Für mich ist es eine Art Rückkehr zu den Wurzeln. Meine Familie stammt nämlich aus dem Oberaargau mit Heimatort Aarwangen.

Ich möchte die Geburtstags-Feier der Schweiz benutzen, etwas darüber nachzudenken, was dieser Staat Schweiz eigentlich ist. Was hält uns zusammen - uns Schweizerinnen und Schweizer? Das habe ich mich im Vorfeld dieses 1. August gefragt.

Das Christentum kann es nicht sein. Zu erbittert waren in der Geschichte die Kämpfe zwischen den Reformierten und den Katholiken. Geendet haben diese Auseinandersetzungen mit dem Sieg der reformierten Stadtkantone über die mehrheitlich ländlichen katholischen Orte. Der Groll über die weit über 100 Jahre zurück liegende Niederlage ist auch heute noch in Teilen der Innerschweiz und im Wallis zu spüren.

An der gemeinsamen Sprache kann der Zusammenhalt der Bevölkerung in der Schweiz auch nicht liegen. Wir kennen vier Landessprachen und geben viel Geld aus, diese Sprachen zu pflegen oder gar zu erhalten. Doch den jungen Menschen wird das Englisch immer geläufiger. So kommt es, dass sich in der RS die Romands und die Deutschschweizer schon öfters auf Englisch verständig, wenn's mit der zweiten Landessprache nicht so recht klappen will. Das weiss ich von einem Schulkommandanten einer gemischtsprachigen RS.

Ist es also die Geographie, die den schweizerischen Zusammenhalt begründet? Wohl kaum. Unser Land ist zwar das Wasserschloss Europas. Doch die Flüsse fliessen nach Osten, Süden und Westen ab und verbinden uns mit den Ländern Italien, Deutschland und Frankreich. Die Sympathien und die wirtschaftlichen Verflechtungen mit ihren Nachbar- Ländern sind bei den Tessinern und den Romands ausgeprägt, bei den Deutschschweizern etwas weniger, da die Geschichte einige schmerzliche Wunden hinterlassen hat.

So bleibt denn als Erklärung des Phänomens Schweiz nur die Tatsache, dass wir zusammen sind, weil wir dies wollen. Wir sind zusammen, weil wir gemeinsame Werte haben und aus diesen Werten gemeinsame Institutionen geschaffen und ein allseits geachtetes, typisch schweizerisches, ja einmaliges Demokratie-System entwickelt haben.

Da ist einmal das Prinzip der Subsidiarität. Das heisst: Bei uns wird alles auf der angemessen niedrigsten Stufe erledigt, also dort wo Bürgerinnen und Bürger direkt mit Problemen und Projekten konfrontiert sind. Was die Gemeinde gut bewältigen kann, macht nicht der Kanton. Was der Kanton gestalten muss, wird nicht vom Bund gesteuert.

Auf jeder Stufe kann das Volk an der Urne entscheiden. Ausländische Besucher zeigen sich jeweils verblüfft darüber, dass die Steueranlage vom Volk genehmigt werden muss. Meine ausländischen Freunde können noch nachvollziehen, dass das Volk Steuersenkungen zustimmt - aber Steuererhöhungen? Das geht über ihren Erfahrungshorizont.

Aber gerade das ist ja auch eine Besonderheit der Schweiz. Bürgerinnen und Bürger wissen, dass der Staat Mittel braucht, wenn er Leistungen erbringen soll, die allen zugute kommen.

Dieses staatsbürgerliche Verantwortungs-Bewusstsein ist das Produkt einer gemeinsamen Geschichte und einer aufwendigen Aufklärungsarbeit. Schweizer Politikerinnen und Politiker müssen dem Volk sehr viel mehr erklären, als ihre Kolleginnen und Kollegen in andern Ländern. Jede Abstimmung verlangt klare Aussagen in Wort und Schrift, damit sich die Bevölkerung orientieren kann.

Unser Land steht auch für Weltoffenheit. Wir haben keine Rohstoffe, wir haben nur unsere Köpfe und allenfalls noch eine schöne Landschaft für die Touristen. Die Schweiz lebt von ihrem Bildungspotential - von ihren Köpfen. Mit unsern Köpfen schaffen wir Dinge und Werte. Die Schweiz ist eine internationale Wirtschaftsmacht geworden. Nach Angaben der Weltbank liegen wir mit unserem Volkseinkommen an dritter Stelle aller Länder, unsere Kreditwürdigkeit steht auf Rang eins, die Warenexporte pro Kopf an fünfter Stelle der Weltrangliste. Es ist gerade jetzt in der Zeit der Miesmacherei durch Wirtschaftsexponenten wichtig, sich diese Tatsachen wieder einmal in Erinnerung zu rufen.

Unsere Weltoffenheit begann mit dem Handelsweg durch die Ur-Kantone. Hier lernten unsere Vorfahren den Handel kennen. Sie lernten aber auch, wie man von einer wichtigen Handelsroute durch das Erheben von Steuern profitieren konnte. Die liberalen Kantonsregierungen begünstigten lange Zeit die aktive Immigration von qualifizierten Handwerkern und Arbeitern. Diese halfen, die Basis für den Wohlstand der Schweiz zu erschaffen. Während Jahrhunderten kam der Schweiz die Zuwanderung von Eliten zugute. Religiöse und politische Flüchtlingen trugen zur geistigen, kulturellen und wirtschaftlichen Erneuerung bei. Aber auch wirtschaftlich profitierten wir. Viele Firmen wurden von Ausländern begründet. Die Engländer und Deutschen gründeten beispielsweise Brown und Boveri, die Österreicher Bally , und Deutsche und Amerikaner die Nestle.

Diese Kontakte brachten uns auch Kenntnisse über die Nöte anderer. Henri Dunant war ein Geschäftsmann, der viel in Europa herumreiste und auf einer Durchreise dem Gemetzel der Schlacht von Solferino begegnete. Seiner Anteilnahme und seiner Überzeugungsarbeit - die er bis in die Königshäuser Europas trug - ist es zu verdanken, dass wir zur Wiege des Internationalen Roten Kreuzes wurden.

Unser Umgang mit Minderheiten ist immer wieder Ziel von Studienreisen ausländischer Politiker. So ist der in der Verfassung garantierte Jura-Sitz in der Berner Regierung ein Unikum, denn mit einem von 7 Regierungssitzen ist die französischsprachige Minderheit übervertreten. Mit dieser Lösung fühlt sie sich jedoch respektiert, was wiederum den inneren Frieden garantiert.

Asien, Afrika, Südamerika, - diese Kontinente, aber auch Länder wie Russland und China sind zu Nachbarn geworden. Unsere Spezialisten und Geschäftsleute arbeiten dort. Wir erreichen heute entfernteste Destinationen in Stunden. Mobil aber ist auch das Kapital, das Schweizer im Ausland in Arbeitsplätze investieren, das an Börsen in New York und Tokio Gewinne und Verluste bringt und damit das Schicksal von Millionen Menschen zum Guten oder Schlechten beeinflusst.

Millionen von Menschen sind auf dieser Welt unterwegs. Nicht für Ferien, nein auf der Flucht, vor Terror, Armut und Naturkatastrophen. Die Welt ist in Bewegung. Alle - auch die Armen dieser Welt, brauchen unsere Zuwendung, in welcher Form auch immer. Henri Dunant soll uns leuchtendes Beispiel sein.

Die Welt ist zu einem Schiff mit vielen Kajüten auf einer unruhigen See geworden. In einer kleinen Luxus-Kajüte auf dem Oberdeck sitzt die Schweiz. Wir können die Kajütentüre zusperren, wir sind trotzdem auf demselben Schiff. Die Frage ist, ob es daher nicht intelligent wäre, beim Kurs des Schiffes mit zu denken und uns um einen Platz am Steuer und auf der Kapitänsbrücke zu bemühen. Dazu braucht es neben Weltoffenheit auch den Mut, sich zu exponieren. Diese Kraft bringt auf, wer mit seinen Beinen auf festem Grund steht. Bäume, die fest verwurzelt sind, müssen sich vor dem Wind nicht fürchten, auch wenn ein Sturm wütet. Traditionen sind solche Wurzeln. Sie sind gut und sinnvoll, wenn sie uns Kraft geben, aus dieser Sicherheit heraus, Neues anzugehen. Dazu gehören Traditionen wie der erste August, Sinnbild unseres Zusammenhalts.

Unser Land - und damit komme ich zum Schluss - hat sich immer wieder durch erstaunlichen Mut ausgezeichnet. Unsere Vorfahren haben den Mut gehabt gesellschaftliche Veränderungen grossen Stils einzuleiten. Denken wir an die Gründung der Eidgenossenschaft, den Aufstand von Landadligen und Bauern gegen die noblen Ritter aus Österreich; denken wir an die Verfassung von 1848, die damals jedem männlichen Bürger ein Stimmrecht einräumte. Der gnädige Herr in der Stadt hatte plötzlich nur noch eine Stimme wie der Knecht auf dem Lande. Denken wir aber auch an die Einführung des Proporzwahlrechtes, das die Parteienlandschaft vor rund 100 Jahren völlig veränderte. Die Schweiz wurde von einem Ein-Parteien-Staat damit zu einem Staat mit mehreren regierungsfähigen Parteien.

Die Zeit ist wiederum reif geworden für die nächsten Schritte unserer Schweiz. Es geht darum, unser Verhältnis zu Europa und zur Welt so zu ordnen, wie es unserer wirtschaftlich schon lange praktizierten Weltoffenheit angemessen ist. Je selbstbewusster wir sind, je mehr wir uns in den mutigen Traditionen unserer Vorväter verankert fühlen, desto bestimmter können wir diese nötigen Schritte machen.

Die Schweiz hat der Völkergemeinschaft viel zu bieten, darauf dürfen wir stolz sein - aber wir sollten es auch tun

Ich wünsche Euch allen eine schöne und frohe Feier.