Moral in Zeiten der Rationierung
Rationierung im Gesundheitswesen und die Folgen für alte
Menschen
Tagung im Hotel Kreuz, Bern, 21.1.2002, Vortrag von Paul Günter
Ich danke den Veranstaltern, dass sie endlich das Thema der drohenden
Rationalisierung im Gesundheitswesen offen angehen. Für viele
Gesundheitspolitiker ist es nämlich ein Tabu, darüber zu reden. Man gibt vor,
nur über bessere Organisation, ausschöpfen von Sparpotentialen, Erfassen von
abzockenden Anbietern im Bereich der Medizin zu diskutieren. Der neuste
Euphemismus stammt aus dem Parteiprogramm einer Partei und ist die Forderung
nach der Begrenzung des Katalogs der Leistungen in der Grundversicherung zum
Senken der Prämien.
In etwas überzeichneter Form werde ich versuchen aus meiner Sicht einige
Pflöcke einzuschlagen und stelle zu diesem Zweck 5 Thesen auf:
- Das Axiom, dass unser Gesundheitssystem deutlich billiger würde, wenn nur alles richtig organisiert wäre, ist falsch.
Das Gesundheitssystem wird heute durch die vielen Sparanstrengungen,
Kostenstellenrechnungen, Beratungen, Zertifizierungen nicht billiger, sondern
teuerer und nicht besser, sondern nur komplizierter. Stellvertretend und exemplarisch möchte ich das am Beispiel der
Eigenblutspende darstellen: Bei der Eigenblutspende kommen die Patienten in den
Wochen vor einem Wahleingriff und spenden dafür das eigene Blut. Damit
vermeiden sie eine Uebertragung einer Krankheit und sie erhalten vor allem dasjenige
Blut, das am besten verträglich ist nämlich das eigene. Früher wurde das Blut
im operierenden Spital abgenommen, beschriftet mit dem Namen der Patienten,
Geburtsdatum, Blutgruppe und Operationsdatum und mit den andern Blutreserven im
Kühlschrank gelagert. Die Patienten unterschrieben jeweils auf dem Beutel Blut,
so dass bei der Transfusion des Blutes bei der Operation keinerlei
Verwechslungsgefahr bestand. Ein einfaches, effizientes und sicheres
Vorgehen. Unter dem Titel 'Kontrolle der Sicherheit' wird heute nun verlangt, dass jeder Beutel auf Infektionen getestet wird, dass sogenannte SOP beschrieben wird, wer was macht, dass ein Arzt die Laborresultate kontrolliert... die Liste der Anforderungen ist so lang, dass viele Spitäler die Eigenblutspende gar nicht mehr anbieten. Zudem ist durch diese Massnahmen jeder Beutel um rund 70-80 Franken teurer geworden. Der Sicherheitsgewinn ist gegenüber dem alten System ist null - ja durch die komplizierten Abläufe sind neue Fehlerquellen geschaffen worden.
- Die meisten sogenannten Gesundheitsspezialisten und Gesundheitsökonomen
haben keine praktische Erfahrung, wie in der Medizin wirklich mit den Patienten
gearbeitet und wie viel Aufwand eine bestimmte Therapie oder Diagnostik
effektiv erfordert.
Ihr Wissen schöpfen sie aus Studien, Abhandlungen und dem, was sie an
Sitzungen aufgeschnappt haben. In der Regel hat auch der Verwalter bzw der
Direktor eines Spitals davon auch keine Ahnung. Das ist an sich nicht
verwunderlich, sondern der Preis der Aufgabenteilung. Ich selbst habe von der
Buchhaltung meines Spitals auch keine praktische Kenntnisse, obwohl ich seit 25
Jahren im Spital arbeite. Der Unterschied liegt allerdings darin, dass ich dies
anerkenne und nie auf die Idee käme, ich müsste dem Buchhalter helfen, seine Arbeit besser und rationeller zu machen...
- Alle im Gesundheitswesen Tätigen verbringen heute immer mehr Zeit vor
dem Computer, statt bei den Patienten.
Das ist teurer und für die Patienten schlechter
und manchmal ist es auch bequemer, im Stuhl vor dem Computer etwas herum zu
surfen, als die Patienten auf der Abteilung zu besuchen.
- Das gerechteste Gesundheitswesen hatten wir vor etwa 10-15 Jahren.
Da wurden fast
alle PatientInnen nach ihren Bedürfnissen behandelt - ungeachtet der Kosten,
welche (zumindest im Spital) der behandelnde Assistent oder Oberarzt meist gar
nicht kannte.
Natürlich soll das Geld sorgfältig ausgegeben werden - aber das haben
wir auch früher schon beachtet. In den Spitälern der 60er Jahre wurde extrem
gespart, bei den Patienten, aber auch beim Personal und beim Material.
Natürlich muss Missbrauch bekämpft werden und dafür braucht es eine
gewisse Kontrolle.
Und natürlich muss es eine Planung geben, zB wie viele Spitalbetten wir
brauchen.
Aber es ist ein totaler Irrtum zu glauben, dass wir mit diesen
Massnahmen, die unbestritten sind, das Problem der steigenden
Gesundheits-Kosten in den Griff bekommen.
Wir müssen die Diskussion, wie und wo noch sinnvoll Geld gespart werden
kann, dringend von der Diskussion um die steigenden Gesundheitskosten lösen.
- Auch wenn alle Sparmöglichkeiten ausgeschöpft wären, würden die Kosten dennoch
mehr als die Teuerung steigen.
Daher ist ganz wichtig, dass wir uns nun vor
allem darum kümmern, was der Grund dafür ist.
Ich möchte mich nun den Gründen zuwenden, welche diese Kostensteigerung
zentral beeinflussen. Wenn wir die Gründe erkannt, haben kommt dann der schwierige Entscheid: Wollen wir diese Steigerung akzeptieren, dann müssen wir dringend über
die Finanzierung des Gesundheitswesens bzw der Prämien für die
Krankenversicherung nachdenken. Das ist meine Position. Sie ist zur Zeit unter
Politikern nicht übermässig populär. Wenn die Steigerung nicht akzeptiert wird, dann muss entschieden
werden, was im öffentlichen Gesundheitswesen nicht mehr gemacht werden soll,
das heisst wir müssen über Rationierung reden. Eines kann ich aber hier schon
sagen: Ich will, dass in einem derartigen Fall politisch entschieden wird. Ich will
nicht als Arzt in die Lage kommen, am Einzelpatienten Rationierungs-Entscheide
treffen zu müssen, da die Politik dazu zu feige war.
Die Hauptgründe warum die Kosten mehr als die Teuerung
steigen
Ganz generell gibt es 2 Gründe: Demographische Veränderungen und den
medizinischen Fortschritt.
- Es gibt immer mehr Leute in diesem Land und diese Leute leben
erfreulicherweise immer länger. Da gegen Ende des Lebens die Medizin mehr zum
Tragen kommt, schlägt diese Entwicklung mit einer Zunahme der Kosten zu Buche.
- Der andere finanziell noch mehr ins Gewicht fallende Grund ist der
medizinische Fortschritt: Ich zähle einige Punkte auf:
- Die Entwicklung
neuer Medikamente wird exponentiell teurer. Wir müssen aber
anerkennen: Es gibt tatsächlich Fortschritte bei praktisch allen
Behandlungen, die beachtlich sind. Neue Antibiotika sind effizienter und
schonender. Neue Mittel gegen den Krebs sind erstaunlich wirksam aber
unglaublich teuer. Jeder unter uns kennt vermutlich mindestens einen
Menschen, der dank der neuen onkologischen Therapie wenn nicht vom Krebs
geheilt, so doch erstaunlich lange bei guter Gesundheit erhalten wurde. In
meinem Fachgebiet der Anästhesie werden die Medikamente immer besser
steuerbar und damit die Narkose schonender und präziser. Die Hausärzte verschreiben
heute routinemässig moderne, stark wirkende Medikamente für betagte
Menschen. Diese gewinnen dadurch Jahre mit unbeschwerterem Atmen oder mehr
Kraft zum Gehen. Neuerdings gibt es Anzeichen, dass es gelingt, eine
fortschreitende Alzheimer-Krankheit in einem Stadium etwas aufzuhalten,
dass noch ein menschliches Leben gestattet.
- Besonders
grosse Fortschritte macht immer noch die Diagnostik, also Finden neuer
Möglichkeiten zum Stellen einer Diagnose. Diese Entwicklung ist besonders
stark im Bereich des Labors, wo heute Bestimmungen möglich sind, von denen
man bis vor kurzem nicht zu Träumen wagte. Besonders rasch entwickelt sich
die Diagnostik auch im Bereich des Röntgen. Zuerst kamen die
Computertomographen in unsere Spitäler. Sie erlauben uns zB zu sehen, ob
bei einem Unfall wirklich nur eine Hirnerschütterung vorliegt oder ob es
auch im Gehirn zu bluten beginnt. So können wir rasch und richtig
entscheiden ob der Patient ins Zentrumsspital verlegt werden muss, damit
er bei Bedarf operiert werden kann. Jetzt erhalten unser Spital auch einen
MR-Apparat. Dieser untersucht ohne Röntgenbelastung mit Hilfe von starken
Magnetfeldern den Körper und erlaubt uns zB Entzündungen zu sehen oder
Tumore zu erkennen, wenn sie noch ganz klein sind. Alle diese Geräte und
Einrichtungen sind wunderbar. Sie bringen echten Fortschritt, aber sie
sind auch teuer und verlangen speziell geschultes, hochqualifiziertes
Personal. Das Resultat ist eine präzise Diagnose. Diese erlaubt dann auch
eine gute Behandlung mit den hiefür neu entwickelten Medikamenten oder
eine gezielte Operation unter Anwendung modernster Technik und mit
erfreulichen Erfolgen....die Kostenspirale dreht sich.
- Ich habe es
oben schon erwähnt: Die operativen Techniken haben sich enorm verbessert.
Weil sie schonender und exakter geworden sind, können wir heute Patienten
in Situationen helfen, wo dies früher nicht möglich gewesen wäre. Dank
Fortschritten der Anästhesie und Operationstechniken können Operationen an
hochbetagte Menschen ausgeführt werden. Aber ist das auch nötig? Ich nehme
ein häufiges Beispiel: Hochbetagte stürzen leicht. Oft brechen sie sich
dabei den Oberschenkelknochen am Uebergang zur Hüfte. Heute kann operativ
mit einem künstlichen Hüftgelenk die gebrochene Stelle entfernt werden.
Schon am nächsten Tag können die Patienten aufstehen und voll belasten.
Die Alternative war früher die Gabe von Schmerzmitteln. Während rund drei
Wochen brachte jede Bewegung zB bei Betten den Patienten fürchterliche
Schmerzen. Nicht selten musste so starke Schmerzmittel gegeben werden,
dass wegen Störung der Atmung dann Lungenentzündungen auftraten und die
Patienten daran allmählich erstickten...
- Auf den
Intensivstationen können wir heute Patienten künstlich beatmen und ihnen
so über die kritische Zeit einer schweren Erkrankung hinweghelfen. Dank
modernen Methoden inklusive intensiver Pflege und Physiotherapie können
heute Patienten gerettet und mit guter Lebensqualität entlassen werden,
die früher gestorben oder invalid geworden wären.
- Unser Parlament
hat ein Transplantationsgesetz beschlossen. Damit soll mehr Menschen, die
dies nötig haben, eine Transplantation ermöglicht werden. Dies ist
erfreulich. Allerdings wird damit auch die Tür zu einem ganz neuen
Behandlungsraum weit geöffnet. Es entstehen neue Kosten, die es vorher
nicht gab. Interessanterweise hat im Parlament niemand darüber gesprochen,
wie dieser neue Kostenblock finanziert werden soll. Ich habe absichtlich
nachgefragt. Auch von den sonst so beredten Gesundheitsökonomen und den
notorischen Sparaposteln im Parlament wollte sich keiner sagen, wie diese
Kosten zu decken wären. Denn es kann ja nicht sein, dass zwar vermehrt
transplantiert würde und wir dafür andere Kranke unbehandelt lassen
müssten. Genau das aber könnte geschehen.Dann wird von Versicherern,
Behörden und Gesundheitspolitikern verschiedener Parteien Druck gemacht,
dass die Kosten nur noch soviel wie die Teuerung steigen sollen. Wenn also
etwas Neues (meist sehr teueres) eingeführt wird, dürfte in deren Logik
relativ viel Bisheriger nicht mehr gemacht werden.
Fazit: Die Vorgabe , dass das Gesundheitswesen nur um die Teuerung
teurer werden soll, heisst im Klartext: Kein weiterer Fortschritt oder aber,
etwas andres kann nicht mehr gemacht werden. Ich meine: Es kann aber doch nicht
die Idee sein, dass wir zwar Transplantationen fördern, dafür aber andere
Patienten nicht mehr behandeln.
Ich komme auf den Anfang zurück:
Wir haben ein Gesundheitswesen, dass natürlich wächst und zwar in mehr
als einer Dimension. Und entweder finanzieren wir dieses Wachstum, weil es
nämlich Fortschritt bringt und Leiden verhindert oder wir müssen die Leistungen
einschränken - womit wir bei der Rationierung wären.
Wenn wir weltweit die verschiedenen Gesundheitssysteme ansehen, fallen
sofort zwei Dinge auf:
- Mit Abstand am teuersten sind die USA -
wobei ihr Gesundheitssystem erst noch für die unteren Klassen relativ
leistungsschwach ist. Es belastet den unteren Mittelstand so stark, dass viele
Leute finanziell nicht genügend gesichert sind für den Fall einer schweren oder
langdauernden Erkrankung. Es ist also kein erstrebenswertes System. Paradox:
die Mängel des US-Systems, das teuer aber unsozial ist hindern viele unserer
Gesundheitsökonomen nicht daran, dieses System als Vorbild zu nehmen So sollen
vor allem Sparsysteme der USA bei uns eingeführt werden, wie HMO-Praxen, Second
opinion, niedergelassenen Aerzte als Gate keeper, Rating für Aerzte. In unseren
Diskussionen um das Gesundheitswesen wimmelt es nur so von diese Ausdrücken.
- Ganz deutlich billiger als unser Schweizer System sind dagegen
alle sogenannten2-Klassen-Systeme. In
diesen Systeme gibt es in der Grundversicherung nur eine beschränkte Anzahl
anerkannter Heilmethoden, Untersuchungen und Operationen. Man arbeitet mit Wartelisten
und Wartezeiten. In Grossbritannien ist zB die Wartefrist für einen koronaren
Bypass (als Schutz vor einem Herzinfarkt) so lang, dass etliche Patienten vor
dem Operationstermin versterben. Gewisse Chemotherapeutika gegen Krebs sind in
der Grundversicherung nicht eingeschlossen. Wer mehr Schutz vor Krankheit und
bessere Behandlung will, bezahlt es selbst, das heisst er versichert sich bei
einer Privatversicherung zusätzlich gegen die Lücken.
Damit wären wir also bei der Rationierung. Natürlich erklären die
Propagandisten dieses Systems, bei uns wäre alles Nötige dann in diesem
Grundkatalog enthalten und nur das sogenannt 'Ueberflüssige' soll gestrichen
werden. Das dürfte ein schwieriges Unterfangen werden. Aber auch wenn am Anfang
der Grundkatalog grosszügig wäre - wer garantiert, dass er mit dem Fortschritt
mitzieht? Auch in Grossbritannien war der Katalog der Grundversicherung
ursprünglich sehr grosszügig bei der Einführung.
Es ist ja dann so einfach, zu sparen, indem man neue Methoden für das
allgemeine Volk einfach nicht oder zumindest verspätet einführt. Genau diese
Entwicklung hat ja das ursprünglich vorbildliche englische Gesundheitssystem
verlottern lassen.
Die ständigen Prämiensteigerungen, das ist auch klar, sind heute für
weniger Verdienende kaum mehr tragbar. Aber das Problem das ist meine
dezidierte Meinung - liegt hier primär nicht bei der Medizin. Denn es ist doch
grundsätzlich erfreulich, dass sie immer mehr anbieten kann. Das Problem liegt
an den Kopfprämien, die wir haben. Das Problem liegt bei der Finanzierung des Gesundheitssystems.
Unsere Gesellschaft hat mehr als genug Geld für alles Mögliche. Sie hat
auch genug Geld für ein sich entwickelndes Gesundheitssystem.
Aber hier scheut die Mehrheit der Politiker zurück. Sie haben lieber
Sündenböcke: Zu viele Aerzte, gieriges Pflegepersonal, zu viele Spitalbetten
oder zu viele Spitäler, teuere Spitex-Organisation. Sie rufen nach mehr
Kontrolle, statt besserer Finanzierung.
Was ist die Folge dieser Vogel-Strauss-Politik: In den letzten Jahren sind zumindest in den Spitälern die Kosten ein
ständiges Thema. Der Druck auf das Personal ist inzwischen enorm geworden. Wir
verbringen heute immer mehr Zeit, einem Kontrolleur zu erklären und zu
dokumentieren, was wir getan haben, statt etwas zu tun. Sehr viele öffentliche Spitäler haben in den letzten Jahren
des-investiert, das heisst, sie haben ihre Infrastruktur verlottern lassen. Da
wir auf einem hohen Niveau begonnen haben, merkt man das noch nicht so gut. Die
Tünche hält noch, aber die Fundamente sind aufgeweicht.
Das gefürchtete 2-Klassen-System hält schleichen Einzug. Teure
Medikamente, werden nun vor allem denjenigen PatientInnen verabreicht, wo sie
weiter verrechnet werden können. Allgemeinpatienten erhalten zwar auch noch
wirksame Medikamente, aber vielleicht solche mit etwas mehr Nebenwirkungen, da
sie einer früheren (und damit kostengünstigeren) Medikamentengeneration
entstammen. Der Privatpatient wird am Morgen zuerst operiert. Wir führen auch
in den öffentlichen Spitälern wieder richtige Privatabteilungen ein, damit wir
die Gutzahlenden dort speziell verwöhnen können, etwa indem dort weniger
Lehrpersonal beschäftigt ist. Dort arbeiten dann unsere Starschwestern und
Starpfleger. Der Chefarzt kommt mindestens täglich vorbei usw.
Schlimm ist, dass dies rasch zunimmt. Nicht etwa, weil wir wollen,
sondern weil wir mit dem Spardruck dazu gezwungen werden. Wir rutschen
allmählich in die Rationierung hinein. Und zwar in eine Rationierung, wo wir Aerztinnen und Aerzte entscheiden
müssen, wer was erhält, da es nicht mehr für alle reichen wird. Hier wehre ich
mich ganz entschieden. Ich will nicht, dass wir Aerztinnen und Aerzte
rationieren müssen. Ich will überhaupt keine Rationierung. Aber wenn die
Politik uns die Rationierung aus finanziellen Gründen aufzwingt, dann muss sie
auch dafür gerade stehen.
Wir müssen daher über die schleichende und bevorstehende Rationierung
sprechen. Wir müssen über die bessere Finanzierung der Kassenprämien sprechen.
Alle diejenigen, welche eine irgendwie geartete Rationierung als richtig
ansehen, müssen gezwungen werden uns zu sagen, wo und wie rationiert werden
soll. In den USA hat es zB während einer gewissen Zeit Kommissionen gegeben,
welche bei Patienten mit Nierenversagen prüften, ob sie wert waren, an die
künstliche Niere mit ihren hohen Kosten angeschlossen zu werden. Kriterien
waren unter anderem das Alter, die Zuverlässigkeit mit der die Medikamente
voraussichtlich eingenommen werden und der Wert der betroffenen Person für die
Gesellschaft.
Gesundheitsökonomen und Politiker scheuen diese Diskussion, sie
versuchen, die Entscheide auf die Aerztinnen und Aerzte abzuschieben - so geht
es nicht. Der Entscheid über die Rationierung ist ein hochpolitischer und nicht
ein ärztlicher Entscheid. Das Volk muss - so funktioniert unsere Demokratie - dazu
befragt werden. Wir müssen aufhören, im Hinterzimmer darüber zu reden und wir
müssen schleichende Einführung der Rationierung im Gesundheitswesen zu
tolerieren.
Da die Diskussion bisher immer auf Sparübungen und Schwarz-Peter-Spiele
abgelenkt wurde, sind wir spät daran. Gerade darum noch einmal:
Herzlichen Dank an die Veranstalter, dass sie den Mut hatten, dieses heisse Eisen anzupacken.