von Paul Günter
Was erwarten Sie von mir?
Ich werde versuchen, Sie in das Gebiet einzuführen, meine persönliche Stellungnahme und Erfahrungen kurz zu vermitteln. Für mich besteht der Hauptpunkt darin zu vermitteln, worin die Stellung der Akupunktur hier bei uns bestehen könnte.
Einführung in die Akupunktur
Die Anfänge der Akupunktur verlieren sich im Dunkel der Geschichte. Es gibt gewisse Anhaltpunkte, dass ähnliche Techniken bereits vor sehr langer Zeit in Indien angewendet wurden. Schriftlich dokumentiert aus China ist, dass der Gelbe Kaiser (Huang Ti) sich dieser Wissenschaft stark annahm. Es existiert ein Buch aus dem 9. Jahrhundert nach Christus, welches die Aufzeichnung seiner Gespräche mit seinen Leibärzten enthält. Das Buch heisst "Neijing Huang Ti" und ist auch heute noch die Grundlage der Akupunktur. Vor allem die Gespräche von Huang Ti mit seinem Leibarzt Ki Pa sind sehr aufschlussreich. Der gelbe Kaiser lebte aber nicht etwa im 9. Jahrhundert nach Christus, sondern rund 2500 Jahre vor Christus. Damals wurde auf Geheiss des Kaisers erstmals das damalige gesamte Wissen über Akupunktur schriftlich niedergelegt. Die Bücher mussten dann im Verlaufe der Jahrhunderte immer wieder abgeschrieben werden, da sie viel gebraucht wurden und dabei natürlich allmählich zerstört wurden. Das älteste erhaltene Exemplar stammt wie erwähnt aus dem 9.Jahrhundert. Der gelbe Kaiser hat mit seinem Wunsch nach Aufzeichnung vermutlich den Grundstock zu einer immer weiteren Entwicklung der Akupunktur gelegt, da nun das Wissen viel vollständiger erhalten werden konnte als vorher, wo nur die mündliche Tradition existierte.
Er hat die Akupunktur noch in einer andern Weise gefördert. Er verlangte, dass an Stelle der bisher verwendeten Steinnadeln (Bian-Stein) solche aus Metall verwendet würden und dass die Aerzte in deren Handhabung besser und überall ausgebildet würden. Die Begründung dafür war, dass er wünschte, die Leute sollten möglichst gesund sein. Er erklärt im "Neijing" diesen Wunsch noch ausführlicher, indem er sagt: "Das Volk soll gesund sein, damit es mir meinen Teil vom Ertrag abliefern kann". Heutzutage denken die Regierungen vermutlich nicht viel anders, wenn sie teure Gesundheitsprogramme durchziehen - die Begründung pflegt aber meist nicht so offen zu erfolgen.
Wie ich dazu kam, Akupunktur lernen zu wollen
Mein Hauptberuf, wenn ich nicht Politik treibe oder Vorträge halte, ist die Führung der Narkoseabteilung am Spital Interlaken. Man kann sich nun mit Recht fragen, wo da der Zusammenhang zwischen Anästhesie und Akupunktur liegt: Seit etwa 15 Jahren tauchten sporadisch in unserer Fachliteratur immer wieder Arbeiten auf, die über Akupunkturanwendung im Operationssaal an Stelle einer Narkose berichteten. Vor allem während der Kulturrevolution in China gelangten zum Teil sensationelle Berichte zu uns, wonach grosse Operationen allein in Akupunktur durchgeführt worden seien. Es folgten Berichte aus Münchner und Wiener Spitälern, dass man bei Herzoperationen Akupunktur und normale Narkose kombiniert habe und dabei viel weniger Narkosemittel und Schmerzmittel benötigt habe. Für uns waren diese Berichte nicht so massgebend, da wir ohne Akupunktur auch nicht mehr Narkoseund Schmerzmittel benötigten, als in diesen Berichten angegeben wurden.
Was uns Aerzte immer am meisten irritierte war, dass die Punkte, an denen die Akupunktur verabreicht wurde, in keiner Weise mit den uns bekannten Strukturen des Körpers, seien es Nerven oder Blutgefässe übereinstimmte.
Vielerorts war man daher geneigt, an fernöstlichen Hokuspokus zu glauben. Dann erschienen aber Publikationen, wo wissenschaftlich genau berichtet wurde, dass die Wirkung von Akupunktur mit Naloxon aufgehoben werden könne. Naloxon ist ein Medikament dass wir in der Anästhesie relativ häufig anwenden. Es hebt die Wirkung von Opium- und Morphium-ähnlichen Medikamenten auf.
Nun hob in der wissenschaftlichen Gemeinde das grosse Denken an: Wenn Naloxon wirkt, bedeutet das nichts anderes, als dass morphinähnliche Substanzen im Spiel sein müssen. Da man aber nichts gegeben hatte, musste logischerweise der Körper selbst derartige Stoffe produzieren: Man hatte das körpereigene Schmerzhemmsystem entdeckt. Dass so etwas existierte, vermuteten wir zwar schon lange: Immer wieder erlebten wir, dass Leute zum Beispiel nach einem Verkehrsunfall in den ersten Minuten bis Stunden keine Schmerzen haben, auch wenn schmerzhafte Verletzungen vorhanden sind. Offenbar war eine der Wirkungen der Akupunktur darin zu suchen, dass sie das körpereigene Schmerzhemmsystem aktivieren konnte. Damit war die Sachlage derart interessant auch für mein Fachgebiet geworden (denn Anästhesie ist ja vor allem Schmerzbekämpfung), dass ich mich entschloss, mir die Sache an Ort und Stelle anzusehen.
Der Kurs in China
China ist nun das Land, wo Akupunktur seit Jahrtausenden betrieben wird und wo es traditonsreiche, aber modern ausgerüstete staatliche Institute gibt, die sich der Erforschung dieser Fragen widmen. Die grossen Universitäten von Peking, Schanghai und Nanking haben ihre Kurse gegenseitig abgestimmt und spezielle Lehrbücher entworfen, die für Ausländer den Stoff in geeigneter Form enthalten. Seit zwanzig Jahren führen sie gemeinsam Intensivkurse durch, wo ausländische Aerzte in 3 Monaten die Grundbegriffe der Akupunktur vermittelt erhalten. Diese Kurse werden durch die WHO (Weltgesundheitsorganisation) unterstützt. Die WHO schickt alljährlich einige Aerzte aus Entwicklungsländern mit einem Stipendium in diese Kurse.
Unser Kurs umfasste 22 Teilnehmer aus 17 Ländern. Er wurde in englisch durchgeführt. Am Morgen lernten wir in kleinen Gruppen die praktische Arbeit in der polyklinischen Sprechstunde in Spitälern, am Nachmittag hatten wir gemeinsame theoretische Vorlesungen. So war ich am morgen zusammen mit einem kanadischen Arzt und einem Uebersetzer Dr. Ye zugeteilt, einem sehr erfahrenen Akupunkteur diese Kunst zum Teil direkt von seinem Vater gelernt hatte. Im Verlauf eines Morgens sahen wir etwa 40 Patienten, von denen ich jeweils 5-10 selbst (aber natürlich nach Anweisung und unter Aufsicht) behandelte.
Ich hatte mich für den Kurs in Beijing (Peking) entschieden, da mich natürlich auch das politische Leben der Hauptstadt Chinas interessierte. Und ich darf sagen, dass ich vor allem auch über die engen Kontakte mit unserer Schweizer Botschaft diesbezüglich überaus interssante Einblicke erhielt.
Auf was beruht Akupunktur
Basis ist der Verlauf von 12 Kanälen im Körper, in denen Qi zirkuliert. Qi ist ein Aspekt der Lebenskraft. Dort wo Qi auf der Körperoberfläche zirkuliert, kann die Lebenskraft durch Einstechen von Nadeln an bestimmten Punkten manipuliert werden. Entweder wird stimuliert oder gedämpft oder eine Blockierung des Flusses der Lebenskraft beseitigt.
Zentral für die Diagnosestellung ist die Philosophie des Gleichgewichts zwischen Yin und Yang. Yin und Yang ergänzen sich gegenseitig. Sie stellen aber auch Gegensätze dar, die sich gegenseitig bedingen. Was wäre ein Tag ohne Nacht, was Oben ohne Unten? Auch Mann und Frau bedingen sich durch ihre Gegensätze. Ebenso fliesst der elektrische Strom nur, wenn negativer und positiver Pol vorhanden und intakt sind.
Krankheiten sind für die Chinesen vor allem Störungen der vorhandenen Gleichgewichte im Körper. Ziel der Behandlung ist es,diese Gleichgewichte wieder herzustellen, dann erfolgt die Gesundung gemäss ihrer Philosophie von selbst. Mit Hilfe der Nadeln z.B. versucht sie, den Kraftfluss zu regulieren.
Die chinesische Diagnosestellung unterscheidet sich daher ganz prinzipiell vom analytischen Denken unserer westlichen Medizin. Der Mensch ist eingebettet in Gleichgewichte:
Gleichgewicht mit der Umgebung, der Jahreszeit, der Gesellschaft, aber auch in seinem Körperinnern. Etwas vereinfacht dürfte man vermutlich von einem synthetischem (=zusammenfügenden) Denken sprechen.
Wichtige Teile der Diagnostik sind insbesondere
- die genaue Befragung des Patienten,
- das Ansehen (vor allem der Zunge),
- die Untersuchung der drei Pulspunkte an beiden Vorderarmen.
8 Prinzipien
8 Prinzipien gestatten eine erste Unterteilung der Störungen:
- Ueberschuss und Mangel
- Verhältnis von Yin und Yang
- äussere Störung und innere Störung
- kalte Erkrankung und heisse (entzündliche) Erkrankung
Diese Prinzipien werden entweder auf die Kanäle (Meridiane) angewendet oder aber häufiger auf die fünf wichtigen inneren Organe:
Zang-Organe und Fu-Organe
Zang-Organe sind Niere-Leber-Herz-Milz-Lunge.
Zu jedem dieser Organe gehört ein Hohlorgan, das Fu-Organ:
Harnblase-Gallenblase-Dünndarm-Magen-Dickdarm.
Immer ein Zang- und ein Fu-Organ gehören zusammen:
- Niere - Harnblase
- Leber - Gallenblase
- Herz - Dünndarm
- Milz - Magen
- Lunge - Dickdarm
Diese Organe stehen in einem engen inneren Zusammenhang, am besten symbolisiert durch die zugehörigen fünf Elemente: So symbolisiert das Element Wasser die Niere, die Leber gehört zum Element Holz, das Feuer zum Herzen, Erde und Milz sowie Lunge und Metall gehören zusammen.
Das Wasser der Niere ernährt das Holz. Holz nährt Feuer (also die Leber) und ist wichtig für die Funktion des Herzens. Aber das Wasser der Niere steht im Gegensatz zum Feuer des Herzens usw.
Alle 5 inneren (Zang-)Organe und die zugehörigen Fu-Hohlorgane fördern einander gegenseitig, stehen aber auch gegeneinander. Wenn wir alle diese Beziehungen aufzeichnen, erhalten wir einen 5-zackigen Stern. Ein sehr bekanntes Symbol, das unter anderem auch in der nationalen Flagge Chinas wieder erscheint.
Die 5 Elemente haben Beziehungen zu den 5 Jahreszeiten, zu den 5 Farben, aber auch zu den 5 Gefühlen. Jedes der Organe steht in enger Beziehung zu einem Sinnesorgan. So zum Beispiel die Leber zu den Augen. Interessanterweise ist dieses Wissen auch hierzulande in der Volksmedizin noch verbreitet.
Je tiefer man sich in die Philosophie der traditionellen chinesischen Medizin versenkt, desto erstaunter ist man über die Feinheit und mathematische Präzision, mit der sie aufgebaut ist. Ueberall sind Verknüpfungen vorhanden, alle Dinge passen schliesslich wieder zueinander. Zuerst steht man wie vor einem Haufen Teile eines Zusammensetzspieles (Puzzles) und es ist ein Erlebnis zu sehen, wie mit vertiefter Erkenntnis die einzelnen Elemente sich plötzlich zu einem grossen Gesamtbild zusammenfügen.
Skepsis und Wundererwartungen hiezulande
Wenn man in der Schweiz von Akupunktur spricht, trifft man oft zwei ganz verschiedene Reaktionen.
Die erste besteht in kritikloser Ablehnung: Humbug, Hokuspokus usw. Diese Haltung nehmen vor allem Leute ein, die sich aus einer selbstgefälligen Haltung heraus meist überhaupt noch nicht mit der Sache befasst haben oder aber einem Scharlatan in die Hände gefallen sind , schlechte Erfahrungen gemacht haben. Das andere Extrem sind (oft verzweifelte) Leute, die Wunder erwarten. Im Zusammenhang mit einer Serie über Akupunktur in einer grossen Zeitung habe ich rund 400 Leserbriefe erhalten. Die Lektüre war äusserst deprimierend. Immer wieder die gleiche Geschichte von verzweifelten Leuten mit chronischen Leiden, die bereits zu x Aerzten, Institutionen, Spitälern pilgerten und keine Linderung der Beschwerden finden konnten:
"Und dann gab mir der Arzt diese Pillen und andere Pillen, die halfen nicht. Dann ging ich zum nächsten Arzt. Der gab mir wieder Pillen, die halfen zwar etwas, aber davon wurde mir schlecht. Was soll ich tun, muss ich sie trotzdem nehmen?"
Realistische Anwendung
In China wird vielerorts ein Leiden zuerst mit Akupunktur behandelt und wenn diese nichts nützt, wendet man die teure "westliche" Medizin an. Bei uns wird man es kaum so halten. Akute Leiden wie Intensivpflege, Wiederbelebung etc. werden immer das Feld der modernen westlichen Medizin bleiben. Aber bei chronischen Leiden sollte in geeigneten Fällen die Akupunktur erwogen werden. Denn das müssen wir klar sehen: Für einige der Langzeiterkrankungen unserer Gesellschaft, hat die westliche Medizin die Antwort nicht gefunden. Denn ich betrachte es nicht als befriedigende Antwort, wenn ein Patient mehrmals täglich Pillen schlucken muss, um sein Leiden im Zaum zu halten.
Stellenwert in unserer Gesellschaft
Derartige Leiden sind, um nur einige zu nennen: chronische Kopfschmerzen, Schmerzen im Bereiche von Wirbelsäule und Gelenken, die nicht einer Operation zugänglich sind oder wo sie versagt hat, Schmerzen nach Gürtelrose, einseitige Gesichtslähmung, gewisse Augenerkrankungen, Impotenz, Schlaflosigkeit; Heuschnupfen und andere Allergieformen - möglicherweise gehört auch die Hypertonie (hoher Blutdruck)in diese Kategorie.
Akupunktur ist auch interessant, da sie einem steigenden Bedürfnis der Patienten entgegenkommt. Diese Methode bedingt nämlich keine Apparate, dafür einen engen Kontakt zwischen Arzt und Patient. Die Diagnosestellung erfordert ein ausgiebiges Gespräch zwischen beiden. Der Patient wird eingebettet in seiner Umgebung betrachtet, da die Philosophie welche dahinter steht, immer nach dem Zustand der Gleichgewichte zwischen Mensch und Umgebung und im Menschen selbst forscht.
Eine aktuelle Frage ist neute natürliche, ob Akupunktur auch eine Kosteneinsparung bringt? Auf der apparativen Seite der Medizin ganz sicher, auf der medikamentösen natürlich auch. Dafür dürfte der Zeitaufwand sowohl bei Patient wie Arzt grösser sein. Eine Behandlung umfasst meist mindestens 6-10 Sitzungen, die je nach Methode 15-30 Minuten dauern und im Abstand von 1-3 Tagen stattfinden.
Akupunktur ist aber sicher eine Methode, welche unser normales medizinisches Arsenal auf einem Gebiet erweitert, wo wir bisher schwach waren. Nämlich bei chronischen Krankheiten, die zwar meist nicht akut lebensbedrohend sind, aber dem Betroffenen das ganze Leben vergällen können.
Akupunktur ist in diesem Sinne tatsächlich eine alternative (oder besser: komplementäre) Medizin. Ohne grossen materiellen Aufwand, dafür mit Wissen und Tradition und unter Berücksichtigung Jahrtausende alter Erkenntnisse kann geheilt werden.
Viele Aerztinnen und Aerzte interessieren sich heute um die Methode. Dank der neu gegründeten Fachgesellschaften und Interessengruppen haben sie die Gelegenheit Akupunktur und weitere Teilgebiete der Komplementärmedizin seriös in der Schweiz in zum Teil monatelangen Kursen zu erlernen.
Liste von Aerztinnen und Aerzten
Listen mit Aerztinnen und Aerzten, welche eine seriöse Ausbildung absolviert haben können bei den entsprechenden Gesellschaften bezogen werden zB
- Gesellschaft für traditionelle chinesische Medizin TCM, Sekretariat co C.Steinbüchel, Teienstrasse 68, 8706 Meilen (Tel/fax 01 923 48 08) oder
- der Schweizerischen Aerztegesellschaft für Aurikulomedizin und Akupunktur, Postfach 176, 8575 Bürglen (fax 071 633 29 09)
Literaturangaben auf Anfrage beim Autor.