Autotransfusion am Regionalspital Interlaken - Eckwerte

Fortbildungskurs SGO über Autotransfusion, Inselspital, 4.3.95

Paul Günter, Dr. med., Chefarzt Anästhesie, Leiter Blutspende

Spätestens seit dem Gerichtsurteil in Deutschland ist die Autotransfusion erneut in Bewegung gekommen. In diesem Urteil steht sinngemäss, dass jeder Patient, der sich einem Eingriff unterzieht. der mit einer Chance von über 5% Blut braucht, über die Möglichkeiten der Eigenblutspende orientiert werden muss. Wir am betreffenden Spital keine Autotransfusion durchgeführt, muss dem Patienten das nächste geeignete Spital genannt werden, wo diese möglich ist.

Wir sind hier nicht in Deutschland, aber ein derartiges Urteil hat natürlich Folgen und wirkt auch in der Schweiz. Ich meine, es wird eine durchaus gute VVirkung sein, die für einmal von Norden kommt, denn die Sache der Autotransfusion verdient in der Schweiz noch eine vermehrte Förderung und Verbreitung.

Vorteil für Regional- und Bezirksspitäler

im Bereich der Autotransfusion haben alle diejenigen einen grossen Heimvorteil, bei denen Blutspende und Transfusion im selben Haus und idealerweise unter derselben ärztlichen Leitung stattfinden.

Ich möchte hier nur kurz auf einige Eigenheiten eingehen, die mit unserem

Transfusionprogramm und Eigenblutspendeprogramm am Spital Interlaken einhergehen.

Das Prozedere bei der Eigenblutspende

1) Für uns ist die präoperative Blutspende ein Funktionstest für den nachfolgenden Wahleingriff. Damit verbleibt als einzige Kontraindikation das zu tiefe Hb. Nach unserer Auffassung ist ein Patient, der eine Blutentnahme mit Kompensation des volumens nicht erträgt, kein Kandidat für einen Wahleingriff. Wir halten es falsch, derartige Patienten bei der Eigenblutspende zurückzuweisen und dann einige Tage später Fremdblut bereit zu stellen ohne auch hier einen Teil der Verantwortung mit zu übernehmen.

Die Blutentnahme bei zum Teil bis 80 Jahre alten Patienten wird aber unter gewissen Sicherheitsbedingungen durchgeführt:

- Automatische Blutdruckmessung und permante Puls- und SO2-Ueberwachung mit einem entsprechenden Gerät

- Das entnommene Blutvolumen wird sofort nach der Entnahme mit 500 ml Physiogel ersetzt. Dank einem Trick können wir dabei das Stechen einer 2.Leitung vermeiden, indem wir nämlich das Physiogel wieder durch den noch liegenden Pasticschlauch der Entnahmenadel ein-fliessen lassen. Physiogel verwenden wir, weil wir das entnommene Volumen vollständig ersetzen wollen. Physiogel ist der bei uns gebräuchliche Plasmaexpander. Gleichzeitig testen wir so die Verträglichkeit des Patienten für das Physiogels im Hinblick auf die Operation.

2) Das Blut wird in FFP und Erythrocytenkonzentrat aufgeteilt. Zum Erythrocytenkonzentrat wird die ADSOL-Lösung zugegeben. Mit diesem Zusatz verlängert sich die Haltbarkeit des Blutes von 35 auf 42 Tage. Das FFP wird tiefgefroren. So bleiben alle Gerinnungsfaktoren bis zur Anwendung in voller Frische erhalten.

3) Die 42 Tage Haltbarkeit sollten voll ausgeschöpft werden. Wir beginnen daher, wenn immer möglich 40 Tage vor der Operation mit der ersten Entnahme. Je nach Operation werden in wöchentlichen bis 10-tägigen Abständen bis 5 Beutel Blut entnommen. Auch wenn weniger Beutel benötigt werden. empfiehlt es sich. früh zu beginnen. So erhält das Knochenmark eine optimale Zeit zur Aufnahme , der vermehrten Tätigkeit. Die Zeit zum vollen Ankurbeln der Ertythropoese beträgt nach unserer Erfahrung in der Regel 2-3 Wochen.

4) Um die Hämatopoese zu sichern erhält der Patient 2x100 mg Fe sowie ein

Multivitaminpräparat pro Tag per os.

5) Intraoperativ wird möglichst lange kein Blut gegeben. Wir sehen aber darauf, dass alle

eigenen FFP den Patienten während der Operation gegeben werden.

6) Bei allen Fällen, die möglicherweise vermehrt bluten, wird zusätzlich der Cellsaver eingesetzt. In diesen Fällen wird das FFP erst dann gegeben, wenn das Cellsaver-Blut zurückgegeben wird.

Bemerkungen

An unserem Spital wird das FFP immer vom selben Spender gegeben (auch bei homologen

Bluttransfusionen). Dank dieser gekoppelten (oder gepaarten) Gabe darf FFP ohne

Methylenblau oder ohne Quarantäne gegeben werden.

Die Verabreichung von FFP bei Autotransfusionspatienten und "normalen" Patienen verläuft damit bei uns sehr ähnlich. Dies ist betrieblich eine bedeutende Vereinfachung, welche eine bessere Befolgung der Regeln zeitigt.

Eine Autotransfusions-tradition muss mit Geduld aufgebaut werden. Dazu gehören zB auch klare Richtlinien für den postoperativen Verlauf, damit nicht ein wenig orientierter Abteilungsarzt alle Anstrenungen mit einer voreiligen homologen Blutgabe zunichte macht. Einmal eingespielt ist allerdings der Ablauf nicht wesentlich komplizierter als in Kliniken ohne Eigenblutspende.

Damit bin ich bei einem zentralen Punkt: Für uns ist das ganze Prozedere letztendlich nicht besonders arbeitsaufwendig. Wir haben den Eindruck, dass uns ein Autotransfusionspatient nicht wesentlich teurer zu stehen kommt - bzw dass die Patienten nicht viel mehr zahlen müssen für diese wichtige Leistung.. Das Programm ist damit auch ökonimisch durchaus zu vertreten, sogar wenn man die verminderten Risiken durch Vermeiden von Antikörperbildung und fehlendes Infektionsrisiko nicht in die Berechnungen einbezieht. Daher fakturieren wir diesen Patienten auch nur die transfundierten Einheiten FFP und Blut, genau wie im homologen Bereich.

Die Autotransfusion ist eine gute Sache. Aber, um sie zum Funktionieren zu bringen und am Funktionieren zu halten, braucht es am Spital 1-2 Personen, die davon so überzeugt sind, dass sie sich persönlich um diesen Bereich kümmern.